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Per Anhalter mit der U-Bahn in den Westen

Den 28-jährigen Dieter Wendt stört das verordnete Lügen in der DDR: „Man steht im Regen und muss sagen: ‚Die Sonne scheint‘“. Mit seinem Cousin, dessen Frau und Sohn will er aus der DDR fliehen. Als Angestellter der Ost-Berliner Verkehrsbetriebe kennt Dieter Wendt das Tunnelsystem gut. Das will er für die Flucht nutzen. Am 8. März 1980 führt er die Familie unbemerkt in einen nicht mehr genutzten Rangiertunnel, den sogenannten Waisentunnel. Dieser ist durch ein massives Stahlschott gesperrt, das mögliche Wassereinbrüche eindämmen soll. Die über dem Schott liegende Kammer hat einen Ausgang zur Gleisstrecke der West- Berliner U8. Dort lässt Wendt die Familie zurück. Er selbst läuft über den Bahnhof Jannowitzbrücke als Streckenarbeiter unbehelligt durch das Tunnelsystem und bricht die Kammer von der anderen Seite auf. Jetzt stehen die Vier am Gleis der U8. Wendt hält den nächsten Zug an. „Wir wollen mit!“, sagt er. „Rein und Hinlegen“, antwortet der Fahrer. Gegen 22.15 Uhr sitzen die Flüchtlinge glücklich in einem Neuköllner Polizeirevier.

Wasserschott im Waisentunnel. Darüber liegt die Kammer, über die die Flüchtlinge in den Tunnel der West-Berliner U8 gelangen.© Polizeihistorische Sammlung des Polizeipräsidenten in Berlin